Hallo Netzzensur

2009-04-18 10:51

"Natürlich, das einfache Volk will keine Zensur. Aber schließlich sind es die Machthabenden eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, die Provider zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde ihre Kinder schützen, und den Providern Unterstützung von Kinderpornografie vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten die Kinder in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land."

Seit gestern haben wir also eine freiwillige Internetzensur in Deutschland.

Unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Kinderpornografie haben 5 große Provider eine freiwillige Vereinbarung unterzeichnet und damit Ursula von der Leyen einen großen Gefallen getan. Ich zweifle allerdings an der Freiwilligkeit, da von der Leyen jeden Provider, der nicht ihrer Forderung nachkommt, namentlich an den Pranger stellen will und diesen Providern vorwirft Kinderpornografie zu unterstützen. Also entweder  in dem Zusammenhang ein schlechtes Image riskieren oder unterzeichnen?

Glücklicherweise haben 1&1, Versatel und Freenet genug Rückrat und sich geweigert zu unterzeichnen, solange keine gesetzliche Grundlage dafür besteht. Diese soll leider bald folgen. Damit hätte man eine gesetzliche Zensur-Möglichkeit geschaffen.

Aber, hey: diese Zensur hört sich wirklich gut an! Schützt die Kinder und so. Aber tut sie das wirklich?

Meiner Meinung nach nicht! Die Sperre manipuliert die DNS-Einträge der großen Provider so, dass sie auf ein Stop-Bild verweisen, wenn eine der Seiten aus der geheimen Sperrliste aufgerufen wird. Die geheime Sperrliste liefert das BKA, ohne dass eine unabhängige Stelle bezeugen kann, dass es sich dabei um Kinderpornografie handelt. Dass diese Sperre nur greift, wenn man einen DNS-Server der unterzeichneten Provider benutzt, macht sie sogleich sinnlos.

Ich nutze seit langem OpenDNS für meine Namensauflösung und bin damit sehr zufrieden. Der FoeBuD hat auch einen eigenen DNS-Server eingerichtet, der diese Sperre wirkungsvoll umgeht. Für Otto Normalverbraucher scheint diese Sperre eine Hürde zu sein, aber jeder mit ein wenig IT-Wissen kann es umgehen und es gibt schon jetzt Anleitungen zum Nutzen eines alternativen DNS-Servers.

Aber nun, da eine solche Zensurinfrastruktur geschaffen ist, hat man auch ein einfaches Werkzeug an die Hand bekommen, um z.B. regierungskritische Seiten oder ungewollte Download-Angebote für einfache Leute zu filtern. Man setzt sie auf die geheime Sperrliste - was darauf ist, das ist geheim und soll auch unter Strafandrohung ja so bleiben. Ich bin überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Missbrauch stattfindet.

Sehr interessant ist in in meinen Augen dieses Interview der Zeit mit einem Missbrauchsopfer , welches sich ganz klar gegen die Netzzensur ausspricht! Wenn man wirklich etwas gegen solche Angebote machen will, dann sollte man die Zuständigen Server hops nehmen und die Betreiber anklagen. Aber nicht die Augen davor verschliessen!

Dass es funktioniert die Seiten abschalten zu lassen hat die Organisation Carechild mit Erfolg getestet, wie in diesem längeren, aber guten, Artikel der c't steht.

Übrigens, das Zitat zu Beginn ist - wider Erwarten - nicht von Ursula von der Leyen, sondern eine abgewandelte Form eines Zitats von Hermann Göring.