Piratenwatch

2009-09-21 19:14

Piratenpartei 200px breit

Nur noch knapp eine Woche ist es, bis die Bundestagswahl 2009 statt findet. Der Wahlkampf aller Parteien läuft, selbst die Piratenpartei mischt im Offline-Wahlkampf mit. So kann man hoffen, dass mehr Bürger die Piratenpartei auch offline wahrnehmen und sie kein Internet-Phänomen bleibt. Ich denke, der Aufstieg ins Bewusstsein der Bürger geht voran und aus Nerds von gestern werden die Politikmacher von morgen.

Frank Walter Steinmeier setzt dafür auf ein 10köpfiges Wahlkampfteam, welches zuerst mal auf sozialdemokratische Linie gebracht werden muss. Die Wiedersacher der CDU setzen auf teAM Deutschland, machen allerdings nicht gerade durch guten Wahlkampf auf sich aufmerksam. Obwohl es professionell aussieht, sind es die kleinen Fehler, die weh tun. So vergisst man den Wahlkampf-Slogan Wir haben die Kraft als Domain zu registrieren. Ansonsten fällt vor allem auf, dass Angela Merkel sich aus dem Wahlkampf ziemlich raushält. Steinmeier ist überzeugt, dass ihr das bei der Wahl nicht gut tun wird. Nebenbei orakelt er über Koalitionen, merkwürdigerweise ohne die Piraten zu erwähnen.

Allerdings scheinen die altgedienten Parteien Angst vor den Piraten zu haben, nehmen diese sich doch sehr erfolgreich Themen vor, bei denen die anderen Parteien nicht wirklich gepunktet haben. So scheint die Forderung von Jörg Tauss nach Piraten in allen Parteien sich zu erfüllen, gibt es in den Parteien doch mittlerweile eigene Piraten-Untergruppen.

So wirbt die SPD mit Freiheit statt Überwachungsstaat, was vom Slogan auch als Piraten-Plakat durchgehen könnte. Origineller ist da schon die Version, die mit V for Vendetta wirbt. Ob Lothar Binding den Film vorher gesehen hat, wage ich zu bezweifeln. Update: Lothar Binding hat den Film nicht nur gesehen, sondern auch Litheratur zum Thema gelesen. Die Aachener Piraten fordern ganz lausbübisch einfach keinem Plakat zu vertrauen. Aber ich bin sowieso allgemein sehr angetan von den Wahlplakaten der Piraten. In der Hauptstadt gibts Piratenpartei-Werbung mit Neonfarben, im Raum Altötting betreibt man Reverse Graffiti, es gibt Aufforderungen für ein Update der Politik in Wiesbaden und eine kleine Plakatübersicht aus Baden-Württemberg. Besonders toll ist in meinen Augen natürlich die Variante zum selber beschriften mit dem Schriftzug Deine Meinung zählt. Zumindest für uns!, hier ein Exemplar aus Münster. Die Piratenpartei lebt vor allem vom Mitmachen, anders kann man sich Sticker auf fast 2000m über NN nicht erklären.

Auch die Aktion Ich bin Pirat! setzt voll darauf, dass begeisterte Menschen dort teilnehmen. Besonders toll finde ich ein daraus entstandenes Video, welches man sogar schon im TV sehen konnte. Das Video beschreibt mit einfachen Wörtern Ziele der Piraten und gibt der Piratenpartei ein Gesicht, macht mehr als nur die anonyme Internetmasse aus ihr. Damit das Video weiter im Fernsehen zu sehen ist, werden hier momentan noch Spenden gesammelt. Neben diesem liebevoll als Senioren-Spot bezeichneten Clip wurden auf Piratenspot.de drei Werbevideos gesucht, welche auch ihren Weg in die Flimmerkiste schaffen sollen. Eine gute Wahl, anschauen lohnt sich meiner Meinung nach. Kann man natürlich auch im Web - da macht sich die Piratenpartei laut VideoCounter ziemlich gut.

Wer mag kann das natürlich auch parodieren, wie diese Werbung für die Schwachmatenpartei. Viele Lacher gabs auch bei der überparteilichen Verulkung von Wahlplakaten der Bundeswahlkampf 2009 Satire-Gruppe auf Flickr. Ziemlich viel beachtet wurde auch der Schäuble Plakat Remix-Wettbewerb auf Netzpolitik. Nicht nur wegen der Bilder, auch weil Netzpolitik sich fast einer Klage wegen Urheberrechtsverletzung stellen musste. Da hat man sich allerdings friedlich geeinigt. Schäuble ist dabei nur ein gern verwendetes Motiv, auch andere Plakate der CDU finden Beachtung. Natürlich steht es einem auch frei die Aufmachung der Piraten-Materialien zu zerreissen, das gibt den Piraten immerhin auch Möglichkeiten es besser zu machen. Weniger schön als verbaler Zerriss, dazu zählt auch das schwarzgefärbte Schlechtreden von Plakatierungsstellen, sind Plakat-Fouls seitens anderer Parteien.

Gelegentlich wird aus einem Plakat auch mehr. So reichte ein CDU-Plakat zum Kanzler-Besuch mit dem handgeschriebenen Spruch und alle so: "Yeaahh" aus für ein Meme inklusive Flashmob. Die Rede von Angela Merkel wurde begleitet von Yeah-Rufen, wie man auf Videos dazu schön sehen kann.

Und es muss nicht immer Werbung sein, die für Zuspruch sorgt. Manchmal verschafft man einer Partei unbeabsichtigt Symphatie. So kam ein ArguLiner, also eine Argumentationshilfe, der Jungen Liberalen - dem FDP-Nachwuchs - unbeabsichtigt ins Netz. Dort versucht man die FDP als Partei für Bürgerrechte zu etablieren und die Piraten im Gegenzug kritisch zu durchleuchten. Die Argumentation der FDP kann ich dabei nicht immer nachvollziehen, aber es ist auch nicht das Ziel. Meinungsmache wird es immer geben, ob nun für oder gegen eine Partei. Manchmal stößt man dabei auf interessante Dinge, so empört sich die AEPOC über den Einzug der Piratenpartei ins Europaparlament und sieht sich sogleich durch Diebstahl, Fälschungen und Kindesmissbrauch bedroht.

Der Einzug ins Europaparlament wurde bei Anhängern der Piraten mit Freude aufgenommen. Dabei gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht sehr viele Piraten in Deutschland, wenn man es mit heutigen Zahlen vergleicht. Doch seit dem geht es steil bergauf, über 8000 Mitglieder zählt man. Hauptsächlich sind es junge Menschen, die der Piratenpartei oder ihrem Ableger den Jungen Piraten, JuPi genannt, beitreten. Wieso das so ist, versucht man beim Stern zu erklären. Andere Parteien sind dabei wahrlich kein Hort von Jugendlichkeit. Die Piraten befinden sich was Mitgleiderzahlen angeht nur noch hinter den großen bekannten Parteien, wollen dort aber nicht bleiben. Die Aktion 10000 zieht darauf ab, dass man bis zur Bundestagswahl 10.000 Mitglieder beisammen hat. Es gibt nämlich bei mehr Mitgliedern auch mehr Geld. Trotzdem gilt noch immer, dass man auch ohne Parteibuch die Piratenpartei unterstützen kann und gern gesehen ist.

Europaweit tut sich auch einiges, so existiert mittlerweile die Pirate Party UK. Wurde meiner Meinung nach Zeit, wo ich in der Vergangenheit öfter von Lobbyarbeit der Musikindustrie in England lesen durfte. Aber das gibts ein andermal.

Wir kehren zurück in den deutschsprachigen Raum, bleiben aber international. Im großen, bösen Internet. Viele Communitys und Social Networks bieten ihren Mitgliedern Portale zum Wahlgeschehen an. Da gibt es die Wahlzentrale bei StudiVZ, bei PCAction durfte man schon abstimmen, es gibt größere Umfragen zur Wahl, Webseiten der Parteien werden bei RadioBob inspiziert, Google Trends mischt auch mit, WKW bietet eine Seite zur Bundestagswahl. Sogar bei der U18-Wahl waren die Piraten vertreten. Bei XINGs Wahlbaromter mussten sich die Piraten erst ein Profil erkämpfen, sind aber trotzdem mit dabei. Ähnliches gabs schon bei StudiVZ.

Meist sieht es dabei ähnlich aus: die Piraten sind mit großem Abstand an der Spitze zu finden. Meiner Meinung nach sind die Piraten im Internet gut aufstellt und relativ präsent. Mehr als eine Subjektive Meinung hat nodemaster dazu, er nutzt Alexas Webstatistiken. Wie man im Web Wahlkampf macht das wissen die Piraten, deren Zielgruppe definitiv Netzuser sind. Wie man im Web Wahlkampf macht, wie es Barack Obama gezielt bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl tat, erklärt der elektrische Reporter.

Die Piraten versuchen dabei Online-Welten mit Offline-Welten zu verknüpfen. Erst wird bei einer Runde Counter-Strike Piraten-Werbung gesprüht, anschließend trifft man sich auf der Gamescom zum Plausch. Die Piraten verteufeln glücklicherweise keine Computerspiele, mit Pirate Gaming haben die JuPis eine Zocker-Community ins Leben gerufen. Wer, wie ich, weniger interessiert an Spielen ist, der kann einfach mal zu einem normalen Stammtisch kommen. Man darf gerne auch als Mitglied anderer Parteien den Stammtischen beiwohnen. Da sind die Piraten deutlich toleranter als andere Parteien, die bei öffentlichen Veranstaltungen gerne Kritiker rauswerfen.

Piratenpartei: Wir wollen QuoteDass man gerade den Piraten Sexismus vorwirft, kann ich nicht verstehen. Wenn man sich durch die Verwendung des generisches Maskulinum gestört fühlt, dann sehe ich vor allem eine Chance dabei: geht zu den Piraten und zeigt ihnen, wie man es besser machen kann! Die Piraten leben durch Do-It-Yourself, egal ob Mann oder Frau es macht. Zumindest ist den Piraten aufgefallen, dass ihre Frauenquote niedrig ist und es existieren sowohl Plakate als auch kleine Werbebanner, mit denen Frauen angesprochen werden sollen.

Letztendlich sollte die Hauptsache sein, dass man wählen geht, selbst wenn man einen ungültigen Stimmzettel abgibt. Wenn noch Unsicherheit herrscht, dann hilft eventuell das Wahlspecial zu diversen Parteien beim Linux Magazin oder bei Golem. Außerdem gibt es einen Wahl-O-Mat für die Bundestagswahl, bei welchem man die Thesen verschiedenster Parteien vergleichen kann. Eventuell springt dann bei der Bundestagswahl sogar ein eigener Balken raus. Die Piraten haben dabei schon so einige zum Wählen gehen gebracht.