#DieIdealeDigitale – Wie ich mir eine perfekte Online-Zeitung vorstelle

2013-11-26 22:37

Meistens treibt es mich in Zeitschriftenläden, wenn ich eine Reise vor mir habe. Fahre ich nicht selbst, dann lese verbringe ich die Zeit gerne mit lesen. Manchmal sind es Bücher, aber meistens versuche ich an eine Tageszeitung zu kommen.

Und damit fängt mein Dilemma an, denn ich kann mich grundsätzlich nicht für eine entscheiden. Die Schlagzeilen der meisten Zeitungen sind für mich die Schlagzeilen von gestern. Die Artikel sind meistens die Artikel von gestern. Maximal die Kommentare sind für mich noch neu genug.

Das liegt vermutlich daran, dass ich sehr viel Nachrichten lese und versuche mitzubekommen, was in der Welt passiert. Was mir am heutigen Tag als Neuigkeit im Print verkauft werden soll, habe ich vermutlich gestern - oder früher - schon online gelesen. Im schlechtesten Fall wiederholen verschiedene Zeitungen zusätzlich noch die gleichen Meldungen, die sie von irgendeiner Nachrichtenagentur bekamen.

Eines Morgens war ich davon so gefrustet, dass ich diesen Frust vertwittert habe und erstaunlich viele Reaktionen darauf bekam. Unter anderem eine Einladung doch meine Erwartungen an eine (digitale) Zeitung mal in mehr als 140 Zeichen zu fassen und bei der #DieIdealeDigitale Blogparade mitzumachen. Also, hier sind meine Wünsche und Erwartungen.

Die ideale digitale Zeitung muss unabhägig vom Gerät zu lesen sein. Dabei soll es nicht nur um Desktops und verschiedene Mobilgeräte gehen, auch das Format sollte flexibel sein. Als digitale Zeitung wird sich natürlich das meiste um eine Webseite drehen, aber es sollte auch möglich sein ohne Internetanbindung Artikel zu lesen, bspw. indem man sich vorher eine Plaintext-Datei mit einzelnen Artikeln aufs Gerät schob oder gleich ein PDF mit der kompletten Ausgabe. Natürlich ist das ganze ohne DRM irgendeiner Art möglich.

Als ideale Zeitung weiss sie, welche Themengebiete mich interessieren und versteht es auch mir morgens eine Zusammenfassung der neuen Meldungen zu zeigen - entweder auf meiner persönlichen Seite auf der Webseite oder per Mail. Denn eine meiner ersten Handlungen besteht meist darin noch im Bett liegend die Schlagzeilen des Tages durch zu scrollen.

Weil sie so neu und fancy ist, hat sie sich losgesagt von der Arbeit mit einer festgelegten Arbeitszeit und versorgt mich rund um die UUhr mit Neuigkeiten - selbst wenn diese Nachts um drei erscheinen. Nichts ist merkwürdiger, als früh morgens oder am Wochenende festzustellen, dass angeblich nichts passiert sein soll, weil sich die Nachrichten nicht änderten.

Auch bei den Inhalten ist meine ideale anders: sie ist investigativ und arbeitet selbstständig an Geschichten. Nachrichtenagenturen können einen Anstoß für einen Artikel liefern, aber sollten niemals 1 zu 1 kopiert werden - und erst recht nicht innerhalb mehrerer Artikel zu einem Thema. (Hallo Der Spiegel.)

Eine Sache, gegen die ich mich absolut ausspreche, ist die Einführung eines _Sport_ Ressorts. Nichts nervt mich mehr, als überall die Ergebnisse des letzten vermeintlich wichtigen Sport-Ereignisses - meist Bundesliga - zu lesen. Die Nachrichten zu sportlichen Themen sind in Nicht-Sport-Zeitschriften meist ziemlich platt und ich verzichte gerne darauf. Wenn ich Sport lesen will, dann lese ich Sport-Zeitschriften ;)

Ein Lokalresort wäre schön, aber ich habe keine gute Idee zur Umsetzung. Einerseits will man eine breite Abdeckung - jedem seinen eigenen Lokalteil - anderseits wird es schwierig sein überall einen Mitarbeiter zu haben, der sich hauptsächlich um lokales kümmert. Außerdem kann es bei nur einem Mitarbeiter schnell zu einer _eintönigen_ Berichterstattung führen - mir wären mehrere Mitarbeiter lieber.

Den lokalen Teil könnte man eventuell Crowdsourcen. Wer mag, der kann Artikel schreiben, die - nach einer Prüfung und eventueller grammatikalischer Korrektur - im Medium erscheinen. Wenn ich mich recht entsinne nutzt die Technik News-Seite Golem eine solche Variante, bei der quasi jeder als freier Redakteur Artikel einreichen kann und dafür auch entlohnt wird.

Meiner Wahrnehmung nach, sollten Zeitungen eine Art korrektive "Macht" in einer Demokratie sein. Doch scheinen viele Zeitungen unreflektiert Meldungen zu übernehmen und eine kritische Auseinandersetzung mit "offiziellen Meldungen" egal von welcher Stelle vermisse ich. Als Whistleblower müsste ich in Deutschland vermutlich lange Suchen, um eine geeignete Zeitung zu finden, die es wagt den Finger in die Wunde zu legen und zu bohren. Der Guardian ist hierbei ein wirklich gutes Beispiel.

Zu guter letzt soll die ideale Zeitung unabhängig sein und auch breit gefächerte Meinungen vertreten. So angenehm es ist, wenn die Artikel einem nach dem Mund reden, so schlecht ist es für die Bildung einer eigenen Meinung. Auch wenn ich mir eine eher linke Publikation wünsche, finde ich es immer gut über den Tellerrand zu schauen. Eine Zeitung kann ein gutes Mittel sein bei der Meinungsbildung zu helfen, sie sollte diese Arbeit aber nicht vollständig übernehmen. Die Unabhängigkeit soll auch nicht bei den Geldgebern aufhören - selbst wenn ein Artikel beispielsweise einen Werbekunden in schlechtem Licht darstellen könnte.

Bei all den Ideen und Idealen, muss das aber auch irgendwer bezahlen. Grundsätzlich bietet sich natürlich das "alte Modell" an, dass man die Seite und Artikel mit Werbung überzieht. Funktioniert, aber ich würde es nicht als alleinige Finanzierungsmethode verwenden. Ich würde es als Ergänzung verstehen und die Werbung sollte auch einigen gestalterischen Begrenzungen unterliegen - nichts ist nerviger, als wenn man plötzlich ein riesiges Flash-Overlay hat, das in voller Lautstärke Musik abspielt und man erstmal den Schließen-Button suchen muss.

Ich gehöre zu den Leuten, die durchaus bereit sind für gute Nachrichten oder Features zu zahlen. Ich stelle mir vor, dass die Seite grundsätzlich frei zugänglich ist, vielleicht mit ein wenig Werbung für die nicht angemeldeten Besucher. Aber die Offenheit ist wichtig, damit ich die Nachrichten auch weiterverbreiten kann - wer schon mal einen Link zu einem Artikel bekommen hat, den aber wegen Paywall nicht lesen konnte, weiss was ich meine. Aber man könnte einige Dienste rund um die Nachrichten anbieten, die nur Premium-Kunden bekommen: die zuvor angesprochenen alternativen Formate der Artikel, eine Art persönlicher Startseite, die nur Meldungen aus bestimmten Bereichen anzeigt oder die Möglichkeit zu bestimmen ob und wann man Zusammenfassungen der neuen Artikel zugemailt bekommt. Vielleicht auch ein ganz simpler RSS-Feed nach eigenen Vorlieben. Das wären Dienste, die für mich einen Mehrwert darstellen und mir dadurch auch etwas wert sind. Sollte sich durch die zahlenden Leser genug Geld einnehmen lassen, so würde ich am liebsten auf die Werbung zu verzichten. Je mehr Nische, desto besser scheint es zu funktionieren. Aber auch für nicht so ganz nischige Seiten, scheint es zu klappen - ich sehe dort the changelog als interessantes Beispiel.

Ich hoffe einfach dass meine digitale Zeitung, wenn sie irgendwann entsteht, nicht zu sehr Nische ist, sondern ich sie auch finde. Bis dahin clicke ich mich einfach weiter durchs Netz...